„Zwei Grenadiere Napoleons, die sich am letzten Tag der Schlacht bei Leipzig nach Frankreich durchschlagen wollten, hatten sich in ihrem winterlichen Unterschlupf in unserem Dorf in Franken eben eingerichtet, als sie im Februar 1814, aufgeregt ins Schloß gelaufen kamen. So aufgeregt, dass meine Urgroßmutter Josephine die beiden weder deutsch noch französisch verstand: “Kosaken nachts ! Sauveznous !“
Die Josephine, die mit zwanzig Jahren so verständig wie beherzt, las aber Schrecken und Not auf den Gesichtern der Grenadiere und begriff. Der Dorbert und der Daupernas, so hießen sie, erlebten zwar täglich, dass die Bayern - obwohl seit Leipzig Gegner Frankreichs - hier keinen Franzosen aufspießten. Sie fürchteten aber „Alte Napoleonische“, Todfeinde Russlands seit Moskau, mussten sich gerade bei Kosaken auf allerhand gefasst machen….Kosaken sollten durch Bamberg zum Rhein marschieren?
Als Tochter eines der Guillotine entronnenen Royalisten hat die Urgroßmutter für „Soldadestka des Generals Bonaparte“ wenig übrig. Doch ihrer Landsleute muss sie sich annehmen. Wie aber ? Im Dorf kannten die Franzosen jedes Kind. Sie mussten weg. Kurzentschlossen schickte die Urgroßmutter sie nach Wüstenbuch, ins abgelegenste Dorf im Gutsbereich. Die Grenadiers stapften im Schnee davon. Ohne „A Dieu“ ohne „Vive l’ Empereur !“ Josephine stand vor größeren Problemen. Wie sorgte man vor gegen die avisierten Kosaken? Die in ihrem eigenen Land ärger hausen sollten als französische Revolutionsarmeen in Franken?
Josephine berief einen kleinen Kriegsrat handfester Männer. Im Haus sah’s damit schlecht aus. Josephines ältester Schwager Constantin, der einzige Mann daheim, war Invalide. Sein in Russland durchschossener Arm fieberte tagaus tagein. Dass er noch zwanzig Jahre an der Blessur laborierte, verdankte er dem Feldscher, der ihn zuletzt traktiert hatte: „Herr Lieutenant können sich daheim selbst kurieren: diese Stricknadel mit den aufgereihten Holzküglein bitte täglich öfters durch den Schußkanal ganz durchstoßen, drehen und rollen, dann setzt sich innen kein Eiter an!“ So konnte Consatntin seiner Schwägerin nur eine einzige Hilfe leisten: Er übernahm die zwei alten Damen im Hause, Schwestern seines Großvaters, hochfürstlichen Landoberjägermeisters. Die „Fräulein“, wie die Tanten korrekt hießen, waren ein mühsames Überbleibsel aus dem heiteren Rokoko, dessen Ende sie immer noch prophezeiten - und schoben es auf ihre Art hinaus, indem sie zum Beispiel tagelang mit dem Kammermädchen debattierten, warum ihre blumenbesetzten Hoch-perücken - obwohl mit Flohpfeffer eingerieben, nachts auf der offenen Galerie über Puppen gezogen und morgens mit Fliederduft besprengt - immer ranzig stanken? Ob vielleicht deshalb manchmal auch Mäuse daran knabberten? Als die Fräulein erfuhren, was sich soeben hier in Aschbach um sie herum begab, protestierten sie sofort in einem rosafarbenen Bilett: „Sie zuallererst müssten in Sicherheit gebracht werden!“ Constantin geleitete die Zeternden galant in ihre Gemächer und sperrte jede für sich ein.
Unterdessen hatten sich in der Halle doch Handfeste eingefunden. Der Rendant, ein Jäger, der Gärtner, Bauern die grimmig die Schultern zuckten. Das Dorf habe seit der letzten Brandschatzung kein Vieh mehr, Mehl und Fett nicht für eine Woche. Lohne es, das Bisserl zu verstecken? Man kann es ebenso den Kosaken hinschmeißen, wie den nächsten Fouragieren für miserable kaiserliche Papierfetzen, aus Paris oder Wien. Männer die zu einem Dienst gepresst werden könnten, gäb’s keine. Frauen und Kinder würden sie gerne aufs Schloß bringen… Daheim aber wollte man alles offen lassen, damit wenigstens keine Türen demoliert würden.
Josephine fand alles praktikabel. Die Frauen und Kinder sollten gleich kommen! Nur über Vorkehrungen die man treffen könne, waren Josephine und Consatntin anderer Meinung als die Bauern. Alles einfach so stehen zu lassen, hatten die Handfesten nicht im Sinn. Stallungen und Speicher, auch im Gut längst leer, könnten offen bleiben? Vielleicht auch der Torbau, wo die Ritterschaft vor 50 Jahren zuletzt getagt hatte. Das alte Schloß aber „dies Veste Haus von Grund auf neu errichtet 1656“ wie über dem Portal eingemeißelt steht - das ließe sich schon wieder etwas „vester“ machen meinte der Rendant. Verrammeln ?
Josephine saß in der Halle auf der obersten Stufe und sinnierte. Was können die Russen eigentlich wollen? Würden sie blindwütend das Haus stürmen? Nach dem blutrünstigen und feurbrünstigen Geschrei „Guerre aux Chateaux!“ das genug Franzosen eben noch im Mund geführt? Davon wussten die Russen doch nichts! Kosaken waren Kaiserliche, die mit Bayern jetzt verbündet… Waren sie etwa hinter den Grenadieren her? Aus dem Haus können Soldaten nichts brauchen. Der Tanten geschnörkelte Sesselchen können sie so wenig mitschleppen, wie ihren neuen Sekretär; nur gut, dass die Messingbeschläge mit dem lorbeergezierten „N“ abgemacht sind. Ihr Collier mit den bunten Steinen, die Tabatiere und was sonst leicht in einen Felltornister rutscht, ist längst fortgeschafft.
Constantin hockte sich neben die Schwägerin, dachte kopfschüttelnd ihre Sorgen mit: „Du kennst Soldaten nicht! Sie wollen vor allem besser essen und mehr zu trinken. Kriegt der Soldat nichts, grad wo er meint es muss was da sein, so wird geplündert und ohne besonderen Anlass setzt man dir den Roten Hahn aufs Dach. Kosakische Freunde sind damit schneller zur Hand wie verkappte Jakobiner! Gott im Himmel, lass bloß Niemand einen Brand reinwerfen! Das viele Holz im Fachwerk und im Turm - Löschen ? Wie denn mit unseren zwölf strohgepflochtenen Eimern, wenn am Hofbrunnen die Kosaken stehen ?
Josephine fasste sich zuerst wieder „Constantin leg Du Dich jetzt hin und putz Deine Wunde durch! Dein Arm glüht wieder. Ich kümmere mich weiter. Vielleicht fällt mir was Gescheites ein“
An der Verbarrikadierung ist nichts zu bemängeln. Der schwere Balken, der hinter dem Haupteingang links in der Mauer steckt und quer über die Tür rechts einzuschieben ist, sitzt gut drin. An den anderen Haustüren sind die verbundenen Riegel nach drei Seiten exakt eingeschnappt. Nur die blauen Fensterläden gefallen der Josephine wenig. Die Eisenstäbe, die die Jalousiebrettchen steuern, scheppern. Besser gesichert, brettervernagelt, sind jene einstmaligen Schießscharten, die Gott sei Dank nicht voreilig modernisiert wurden, also noch nützlich sind, wenn’s nochmals brenzlig würde.
Unter der Durchfahrt erlebt die Großmutter die beste Überraschung, die einer Hausfrau in ihrer Lage begegnen kann: Am eichenen Türstock hängt ein kapitaler Rehbock, vergessen im Getümmel. Nichts könnte zur Stunde mehr ermutigen! Die Vorräte reichen mit Einquartierung keine Woche, wenn sich nicht noch Essbares im Keller findet. Josephines Talglicht flackert über die in Fels gehauenen Stufen hinunter, reflektiert aus dem Gewölbe, wie metallisch - von einer neuen, höchst bedeutungsvollen Überraschung: Da liegt ja die große ovale Kupferwanne, die so lang vermisste! Im Sandboden, akkurat über drei Fässlein gestülpt. Wer sich da sein Depot etabliert hat, wird sich herausstellen. Jetzt im Kerzenschein, vor dem erfreulichen Stilleben, fällt der Josephine das „Gescheite“ ein, worüber sie die ganze Zeit nachgedacht. Die stärksten Männer müssen die Wanne hinaufwuchten, über die Freitreppe schleppen. Das kupferne Ungetüm, ein Schaff, sechs Fuß lang und drei hoch, im Vorhof auf Steine setzen. Die Männer verschnaufen noch, da bringen die Weiberleut hübsche Fässchen, versiegelte Korbflaschen, hohe vierkantige Zinnkannen. Und die Josephine entleert die Behälter in die Wanne, unter wehmütigen Blicken der Männer. Würzburger Wein, Dünnbier, noch mehr Wein, Zwetschgenwasser, Honigwein, Franzbranntwein! „Umrühren!“ befahl die Josephine vergnügt. Der Köchin letzter Pfeffer ging dahin, auch die gezuckerten Walnüsse in Essig. Die Hausfrau rührte wild mit dem Holzlöffel von der Waschküche. “Wir sind pressiert, es dunkelt!“ Die Tanten schickten in silbernen Flakons Ameisenspiritus und Kastanienaufguß, rissen sich ihre letzten „ Mittel“ von der Seele. Die Wanne war bis zum Rand voll, gut zweihundert Seidl. Josephine probierte mit dem Finger das abscheuliche Gemisch. „Assez! Jetzt Feuer drunter! Kosaken müssen vor allem fröhlich gestimmt werden! Dann kriegen wir sie schon“
Begierig ihm zu berichten, fand Josephine ihren Schwager im Bildersaal. Er wusste bereits von ihrem Tun, schien verstimmt. „Auf Deine Sorte Glühwein werden die Russen sehr übel reagieren“…Warum fragte die Schwägerin, sitzt Du mit Deinem Fieber in dem eisigen Saal? Der wie mir eingetrichtert wurde, nie betreten wird? Immer reserviert für den Abt von Ebrach, falls er zu Besuch kommt!“ „Der kommt aber heut nicht, wenn überhaupt noch je einer kommt! Von meiner Stube aus kann ich sehen, was im Vorhof passiert. Ich hab was anders vorbereitet“ lenkte Constantin nun ab.“ Meine Reiterpistolen“ Was ist damit?, ereiferte Josephine sich neu. Consatntin nimmt die Pistolen aus den Halftern, gibt eine Josephine. Sie vermag den klobigen Messingknauf kaum zu halten.“Gib sie dem Fischmeister“ sagt Constantin. „Die andere mir! War für Josephine selbstverständlich.“ Kannst mir schon trauen! Ich inszeniere kein Duell mit Bayerns neuesten Freunden!
Bei Einbruch der Nacht war jeder auf seinem Platz. Frauen und Kinder saßen innen im Altbau. Die Männer starrten durch die Jalousien in den dunklen Hof. Um den Kessel war im Schnee eine Lache entstanden.
Gegen neun Uhr trabten die Kosaken durchs Dorf herauf. Vielleicht hundert Mann. Kavallerie des Zaren? Mit den Pferden wie verwachsen, mit Lanzen aus Bambus, kurzen Säbeln und viel Pelz um. So sollten Kosaken aussehn! Schnell ritten sie durch den Hof, sprangen im Garten aus den Sätteln. Ein Trupp kam zu Fuß zurück, näherte sich vorsichtig dem sonderbaren länglichen Kessel da über der Glut. Mutigere beschnüffelten die dampfende Brühe, hatten schon einen Hornbecher zur Hand, waren von dem höllischen Gesöff sichtlich angetan. Immer mehr Reiter drängten sich um die Wanne; Pferdehalter schimpften, ob man ihnen denn nichts ließe? Und alle tranken unvorstellbar, schwatzten und begannen zu tanzen. Im Schnee. Nach kurzer Weile setzten sich die ersten Gestalten die um ihr Gleichgewicht bemüht, auf die Hofmauer, auf die Freitreppe. Die Hausbewohner fanden auf das Gelage vor den Fenstern keinen Reim; sie warteten, es geschah nichts. Ein Kosak suchte sich ein drockenes Ruheplätzchen. Ein anderer schöpfte aus der letzten Neige. Als die meisten Reiter friedlich dösten, lösten sich im Haus die Wächter ab.
Da, um Mitternacht wurde der Klopfer am Portal angeschlagen. Josephine, unten im blauen Zimmer der Haustür am Nächsten, staunte, dass es nicht wie sonst durch zwei Stockwerke dröhnte. Da pochte es noch dezenter an ihrem Fenster. Im Schimmer einer Laterne zwängte sich eine Säbelspitze unter den Fensterladen und eine höfliche Stimme bettelte „Monsier? Madame?“ Josephine öffnete das Fenster, sprach durch die Jalousie französisch, lachte zweimal! Schloss das Fenster wieder. - Ein Jäger im Oberstock, der alles gehört hatte, wunderte sich nicht, als Josephine jetzt bei ihm erschien, griff sich aber an den Kopf, als sie bloß sagte: „Die Kosaken ziehen gleich ab! Wir bleiben aber en vedette, bis es dämmert“
Weiß Gott, der Kosak war die Treppe hinunter, seine erstaunlich nüchternen Männer saßen schon zu Pferd - und fort waren sie.
Die Gutsküche war noch nie so voll Menschen gewesen wie an jenem Wintermorgen, als Angst und Schrecken mit den Kosaken gewichen waren. Die hatten so schön gesungen auf dem Weg nach Würzburg, dass das Dorf vor Sonnenaufgang auf den Beinen war. Wer sich verkrochen und wer gewacht hatte, kam in die die große Gutsküche, gottfroh, die Nacht hinter sich zu haben. Von dem Zaubertrank wusste man schon. Seine Mischung, von Josephines nächtlichen Gehilfen verplaudert, wurde mit Phantasie angereichert. Jeder brannte darauf zu hören, wie die Ur-großmutter mit den Russen fertig geworden war? - Josephine ist jedoch bereits mit einem solennenen Morgenschmaus beschäftigt, den sie eigenhändig bereitet. Vier große Häfen „Brüh“ mit schimmeligem Brot und gefrorenen Kartoffeln - zu Rehbraten! Sie freut sich, dass im Dorf kein Huhn und kein Fenster draufgegangen ist, dass die Tanten ihre geliebte Gartenterasse schon inspiziert haben, an den steinerner Puten kein Finger fehlt und in der Muschelkrotte kein Perlmutteerstückerl.
Jetzt fiel Josephines Auge auf die kleine Rettel, ihr Wassermädl, wie sie eben einen halbvermummten Mann anschmachtete. Sie erkannte ihn, als er sie mit einem Kompliment ehrte.“ Oh Grenadier Dorbert, schon retour?“ staunte seine Beschützerin. „Et le Camerade?“ „ Daupenas später“ bekam sie zur Antwort.
Josephine machte Augen. Wie lange braucht man nach Wüstenbuch, mit Holzschuhen, nachts im Schnee? Waren die Napoleonischen etwa gar nicht dort gewesen, hatten hier auf reine Luft gewartet? Sie wird auch das rauskriegen. Aber nun will sie berichten, was nachts los war:
„Zum Ende - gut hab ich nicht mehr viel beigetragen. Unser Punsch war ja raus! Der Kosak der anklopfte, ihr Capitain, war ein Kavalier. Bedankte sich für den guten Empfang und sagte, er hätt’ nur noch eine Bitte: Ob er von dem herrlichen Getränk nicht noch bekommen könnte. Alle seien nüchtern. Er wolle nachts noch weiter. Erbitte also nur ein Fässchen für unterwegs. Sowas märchenhaftes habe keiner von ihnen je in seinem Leben gehabt! Der Capitain habe sie so selig angestrahlt, dass es ihr wirklich leid war, keinen Schluck zurückbehalten zu haben. Bei der wundertätigen Muttergottes von Kasan habe sie alles beschwören müssen.
In dem folgenden Gewirr von Jubel und Fragen kam Herr Constantin schlecht zu Wort: „Vive Josephine! Hättest Du vielleicht doch noch einen Tropfen „Dankopfer“ für die Penaten? Aber die Urgroßmutter, todmüd, hatte für den Schwager nur den Befehl, sofort die Wunde wieder durchzuputzen …“ und danken kannst Dei’m Schutzengel!“
Josephine hat die Episode beschworen. Zeugen sind keine mehr vorzuweisen. Die Kupfer-wanne, in der die Rettl, das Wassermädl von 1814 mich noch geschrubbt hat, endete 100 Jahre nach der Kosakennacht in einer Kriegs-Kupfersammelstelle. Die Grenadiere ruhen seit 150 Jahren auf dem Dorffriedhof, mit Kindern und Enkeln; nahe Josephine und Constantin. Die „Beschließerin Rettl“ fand sich dort erst um 1900 ein - nach des Messners Geheiß: „Was zamm gehört, bleibt beinand!“ - neben der Urgroßmutter.
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